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Tracheotomie
im 18. und 19. Jahrhundert |
Die Weiterentwicklung
der Tracheotomie im 19. Jahrhundert war entscheidend geprägt
durch den zunehmend großzügigeren Einsatz des Verfahrens bei
Croup (Diphtherie, Bräune) und durch die zunehmende Erkenntnis,
dass ein jeder Arzt über die Fähigkeit verfügen muss, die
Tracheotomie auszuführen. Die Erkrankung trat in Europa immer
wieder epidemisch auf und war mit einer hohen Sterblichkeit
assoziiert, die wesentlich durch die Verlegung der Luftwege und
die generalisierten Entzündungssymptome bedingt war. Die schon
im Altertum bekannte Krankheit erschien immer wieder in
kleineren und größeren Epidemien. In Deutschland kam sie jedoch
nur sporadisch vor. Der Greifswalder Arzt Friedrich August
Gottlob Berndt ist der erste, der sie nach einer
Influenza-Epedemie in Greifswald 1837 sehr häufig beobachtete.
(Berndt Lehre von den Entzündungen).
Der zunehmende Einsatz des Luftröhrenschnittes bei Croup begann
zunächst in Frankreich. Doch auch hier dauerte es relativ lange,
bis die Methode Verbreitung fand. Als ein Neffe Napolen I. an
Croup gestorben war, setzte der Kaiser am 4. Juni 1807 einen mit
12 000 Francs dotierten Preis für die beste Arbeit über Croup
und dessen Behandlung aus. Unter den 83 angenommenen Arbeiten
sprach sich kein einziger Bewerber für die Tracheotomie aus.
Einzig Caron verglich die beim Croup auftretenden
Pseudomembranen, die letztlich zur Erstickung führen können mit
Fremdkörpern, die mittels Tracheotomie entfernt werden müssten.
Seine Arbeit wurde von der Kommission, in der sich übrigens kein
einziger Chirurg befand gar nicht erst angenommen. Trotz
verschiedener Interventionen bis hin zu einem Brief an Napoleon
I. wurde die Idee Carons nicht anerkannt. Caron selbst hatte den
Eingriff mehrfach bei Croup ausgeführt, allerdings immer mit
negativem Ausgang. Wie sehr sich seine Zeitgenossen über die von
ihm favorisierte Methode der Behandlung des Croup lustig
machten, zeigt eine Mitteilung aus der Salzburger med.-chir.
Zeitung, 1812, Bd.2, S. 216: „Als bei einem croupkranken Kinde
Mallet den höchsten Grad der Suffocation erreichte sieht, steckt
er dem (7jährigen) Kinde die Röhre eines luftleerenn Blasebalges
in eines der Nasenlöcher und lässt das andere und den Mund fest
zuhalten. Er zieht dann die Flügel des Blasebalges auseinander,
um mittels des Luftzuges die die Erstickung veranlassenden
Theile herauszuziehen; er wiederholt diese Procedur verschiedene
Male, ohne dass die Pseudomembran oder sonst etwas seinen
Sollicitationen gehorchen wollen. Endlich entschließt er sich
zur Tracheotomie und lässt zu diesem Zwecke den öminösen
Caron kommen. Das Kind liegt in den letzten Zügen. Die Operation
wird gemacht, das Blut fliesst in Strömen, die Öffnung ist gross,
die Luft hat freien Zutritt und das Kind ist – todt. Man findet
das Corpus delicti weder im Larynx, noch in der Trachea, und
Monsieur Caron schreit: Hier ist nie ein Croup gewesen (o
berühmter Caron!). Tief in den Bronchien findet man weissen
Schleim, wie ein Brei in Menge angehäuft.“
In den folgenden
Jahrzehnten mehrten sich aber die Berichte erfolgreicher
Luftröhrenschnitte bei Croup, so dass die Operation zunehmend
Verbreitung fand. Beispiel haft seien hier Guilgaut 1812,
Chevalier 1814, Pieri 1815, Carmichael 1823, Hume 1824,
Broussais 1824 und Antonie 1825 genannt. Es war Pierre
Bretonneau (1778 – 1862), der von 1818 – 1821 in Tours 55
Diphteritiskranke jeden Alters beobachtete. Im Rahmen
verschiedener kleinerer „Diphteritisepedemien“ wurde immer
häufiger tracheotomiert. So konnten Guersant und Trousseau 1835
bereits über 60 Tracheotomien bei Croup berichten, wobei
immerhin 18 Heilungen auftraten. In England und
Deutschland fand die Operation ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
auch zunehmende Verbreitung.
In Deutschland sind
vor allem Wilhelm Baum, Wilhelm Rosner und Gustav Passavant zu
nennen, die die Tracheotomie zur Lebensrettung bei Croup
propagierten.
Es
war Wilhelm Baum (1799 – 1883), der 1844 in Greifswald die erste
erfolgreiche Tracheotomie bei Croup in Deutschland durchführte.
Er war es auch, der einen besonderen Schwerpunkt auf die
Durchführung und Nachsorge der Tracheotomie im Krankenhaus
legte. Bei Schuchardt lesen wir: „ ...und er brachte selbst
stundenweit die kleinen Kranken mit herein in dasselbe (gemeint
ist das Krankenhaus), um dort die Operation und die noch
wichtigere Nachbehandlung unter den möglichst günstigsten
Verhältnissen zu besorgen. Baum selber, welcher vor Allem durch
seine anregenden Vorträge in seiner Klinik zu Göttingen und
durch seine zahlreichen Schüler seine Ansichten und Erfahrungen
zu verbreiten wusste, dabei indessen leider selbst nie etwas
veröffentlicht hat (ausser seiner Dissertation), hat sich zuerst
über seine Tracheotomie bei Croup auf der
Naturforscherversammlung in Wien 1856 im Verein mit Rosner
ausgesprochen. Er führte daselbst 16 Operationen mit 6 Heilungen
an.“ Nach Saxer soll Baum in Greifswald vor seiner Berufung nach
Göttingen (1848) die Operation in 5 Fällen durchgeführt habe,
davon nur einmal erfolgreich (1844).
Baum hat nicht nur
1844 in Greifswald die erste erfolgreiche Tracheotomie bei Croup
in Deutschland durchgeführt, er hat in der Folgezeit auch ganz
entscheidend auf die richtige Indikation zur Tracheotomie
hingewirkt. Bei Stromeyer lesen wir in einer fast
phylosophischen Betrachtung zur Rolle Baums: „Die Welt muss
begreifen, dass in gewissen Fällen die Operation lebensrettend
sei und dass diejenigen ihre Wohltäter sind, welche sich dazu
bereit erklären. Es bedarf dafür keiner Übertreibungen; aber bei
welcher neuen Wahrheit hätte diese je gefehlt? Man braucht der
Medicin ihre Verdienste um die Behandlung des Croups nicht zu
schmälern, und am Ende bleibt doch die höchste Aufgabe der
Chirurgie, sich selbst entbehrlich zu machen. Wer die Wirkung
innerer Mittel bei Croup anzweifelt, hat wohl nie bei
croupkranken Kindern Nächte durchwacht… Die Chirurgen haben das
größte Interesse dabei, der inneren Behandlung ihr Recht
widerfahren zu lassen; ihre Aufgabe Kinder zu operieren, die dem
Ersticken nahe sind, ist sonst eine trostlose. Die Operation
heilt nicht die Krankheit an sich, sondern gibt nur die
Möglichkeit der Heilung, indem sie den Erstickungstod
einstweilen abwendet… sobald die Erstickungsgefahr aber durch
die Operation beseitigt ist, kehrt die Frage wieder: wie soll
die weitere Behandlung sein? Aus diesen Erwägungen wird es
begreiflich, dass die verständigen Deutschen den
Luftröhrenschnitt bei Croup erst aus Professor Baums Händen
angenommen haben, dem, als Arzt und Wundarzt gleich
durchgebildet und hoch geehrt, am besten ein Urtheil darüber
zustand, wo die Hülfsmittel der inneren Heilkunst aufhören und
wo die Chirurgie unentbehlich wird. Er beschränkt die
Tracheotomie auf Fälle, in denen die Asphyxie im Beginnen ist,
wo das Kind anfängt, matt uns schläfrig zu werden, das Gesicht
eine livide Färbung annimmt, die Lippen blau und die
Extremitäten kalt werden, die Herzgrube sich tief einzieht bei
Inspirationsbewegungen, und heilte ungefähr den dritten Theil
seiner Operierten. Baums Lehren gingen von Mund zu Mund und sind
durch seine Schüler in Deutschland verbreitet worden, wo man
alle was in diesem Kapitel geschehen ist, auf seinen Namen
zurückführen kann. Baums Indication zum Luftröhrenschnitt ist
die absolute, von der sich nichts abhandeln lässt.“
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